In einigen Fällen ihrer Arbeiten lässt sich Karin von Beyer von fotografischen Aufnahmen, z.B. in Zeitschriften oder in der Zeitung faszinieren. Ein markantes Beispiel ist ein Pressefoto, welches Ausgangspunkt für eine ganze Reihe von Gemälden wurde.[1]

All diese Gemälde haben das gleiche Format, 40 x 40 cm, sind auf Malplatten gemalt und lehnen sich in der Farbigkeit an das Pressefoto an: Sängerin mit ausgebreiteten Armen in rotem Kleid auf heller (weißer) Bühne vor schwarzem Bühnenbild. Dies ist der Ausgangspunkt. Doch von Bild zu Bild verändert sich die Komposition. Einmal ist die Sängerin so nah in den Vordergrund gezogen, dass sie vom Bildrand sowohl unten, wie auch seitlich überschnitten wird, also nur noch im Ausschnitt als Repoussoir-Element das im Übrigen nun annähernd – mit Abtönungen – zweifarbige Bild beherrscht.

Im letzten Bild der Serie hat sich noch mehr verändert. Der Standpunkt des Betrachters ist nun vollkommen verschoben. Die weiße „Bühne“ formt nun ein Quadrat im Quadrat, ist aber in die rechte obere Ecke gerückt und nicht mehr als Bühne, auf der die Sängerin steht, wahrzunehmen. Stattdessen bildet sie nun ein abstraktes, in sich abgetöntes Farbfeld, das von der halben roten Silhouette  – denn mehr blieb von der Sängerin nicht – nun am rechten Rand des Quadrates durchschnitten wird. Der schwarze Grund deutet sich im weißen Quadrat nur mehr als vollkommen abstrakte und nicht mehr durchgängige „Horizontlinie“ an, die ihre Funktion verloren hat. Dafür aber übernimmt der schwarze Grund nun eine rahmende Funktion, denn er legt sich wie ein breiter Rahmen von unten und links um das weiße Quadrat.

Ausgehend von einem realen Foto entstand so ein vollkommen abstraktes Bild. In der Serie sind die Lösung vom Vorbild und die strengen formalen Kriterien, denen der Goldene Schnitt zugrunde liegt, nachzuvollziehen. Doch wahrt jedes Einzelbild seine ästhetische Integrität, bildet eine Einheit für sich, die formal ausgewogen ist. Zugleich strahlen die Bilder große farbliche Harmonie aus.


[1] Die Bühnenaufnahme zeigt Pius Maria Cüppers, Julia Bartolome und Josephine  Köhler während einer Aufführung von Ödipus Stadt von Sophokles in einer Ausgabe der Nürnberger Nachrichten vom 13. Oktober 2014. Frau Marion Bührle sei für die Genehmigung des Abdrucks des Fotos in dieser Publikation herzlich gedankt.

Auszug aus: Dr. Ilse von zur Mühlen: Karin von Beyer – Ein Blick auf ihre Kunst, in: Karin von Beyer: Anderer Blick, Fürth 2016, S. 12f